Rund 6,3 Milliarden US-Dollar verschwanden am 29. Oktober aus den Hot Wallets von Binance, der größten Kryptobörse der Welt. Wir berichteten über den Angriff, der die Plattform zur Aussetzung von Auszahlungen zwang.
Zwei Tage später warten Kunden weiter darauf, ihre Coins wieder bewegen zu können, während Binance verspricht, die gestohlenen Bestände vollständig zu ersetzen.
Inzwischen liefern die Ermittlungen neue Erkenntnisse: Die Angreifer konnten TRM Labs zufolge offenbar Transaktionen über Binances eigene Systeme autorisieren lassen, und die Spur führt nach Einschätzung von Blockchain-Ermittlern nach Nordkorea.
Allein die gestohlenen Bitcoin (BTC) übersteigen Teslas gesamten BTC-Bestand. Gleichzeitig wird konkreter, wann Anleger wieder Zugriff auf ihre Guthaben bekommen sollen.
Die Bitcoin-Beute übersteigt Teslas Bestände
Allein 18.270 Bitcoin gehören laut TRM Labs zur Beute. Bei einem Kurs von rund 77.000 US-Dollar entspricht das etwa 1,4 Milliarden US-Dollar. Zum Vergleich: Tesla meldete zum Ende des dritten Quartals 11.509 BTC.
Auch die öffentlich erfasste Bitcoin-Reserve El Salvadors von rund 7.820 BTC ist weniger als halb so groß. Was Unternehmen und Staaten als strategischen Bestand halten, wechselte hier innerhalb kürzester Zeit in die Hände der Angreifer.
Die Spur führt nach Nordkorea
TRM Labs ordnet den Angriff mit hoher Sicherheit der nordkoreanischen Gruppe TraderTraitor zu. Auch Elliptic hält diese Zuordnung für wahrscheinlich: Ein Teil der Beute sei gemeinsam mit Geldern aus dem ebenfalls Nordkorea zugeschriebenen Bitget-Angriff gewaschen worden.
Der größte Schaden entstand auf Ethereum (ETH): Laut Elliptic wurden dort Kryptowährungen im Wert von rund 3,8 Milliarden US-Dollar entwendet, darunter ETH und Stablecoins. Zusammen mit Bitcoin entfielen damit rund 82 Prozent der gesamten Beute auf diese beiden Blockchains.

Wie die Angreifer die Auszahlungskontrollen umgingen
Der zunächst verdächtigte Mitarbeiter-Laptop erklärt den Vorfall offenbar nur teilweise: Binance hat weitere Einbruchspunkte identifiziert. Laut Co-Chef Richard Teng löschten die Angreifer zudem Werkzeuge und Spuren, was die Aufklärung erschwert.
Auf Ethereum nutzten sie laut Elliptic die Funktion EIP-7702, mit der eine Wallet die Ausführung von Transaktionen an Smart-Contract-Code übertragen kann. Mit gültig signierten Freigaben verknüpften sie eine Binance-Wallet mit ihrem Schadprogramm.
Rund dreieinhalb Minuten später räumte dieses die Wallet leer, darunter 167.464 ETH und etwa 1,6 Milliarden USDT. Laut Teng wurden dabei die üblichen internen Kontrollen umgangen.
An update on the security incident. pic.twitter.com/qn2804fO5z
— Richard Teng (@_RichardTeng) October 30, 2026
Auch auf anderen Blockchains flossen Gelder über gewöhnliche signierte Überweisungen ab. TRM Labs vermutet deshalb, dass die Angreifer Binances Signiersystem missbrauchten, um eigene Transaktionen freigeben zu lassen.
Binance überarbeitet und testet deshalb seine Auszahlungsinfrastruktur. Kunden sollen erst wieder auszahlen können, wenn die Sicherheitsprüfungen abgeschlossen sind.
Die wichtigsten Antworten für Binance-Kunden
Wann komme ich wieder an meine Coins?
Binance peilt Sonntag, den 1. November, für die schrittweise Wiederaufnahme der Auszahlungen an. Voraussetzung sind abgeschlossene Sicherheitsprüfungen; eine gleichzeitige Freigabe sämtlicher Coins und Netzwerke ist damit nicht zugesagt.
👉 Die Sperre betrifft Krypto-Auszahlungen, nicht die gesamte Plattform: Einzahlungen und andere, nicht betroffene Dienste laufen laut Binance weiter. Deine Coins auf eine externe Wallet oder eine andere Börse zu übertragen, ist vorerst jedoch nicht möglich.
Müssen Kunden einen Teil des Schadens übernehmen?
Binance sagt zu, die gestohlenen Bestände über den Sicherheitsfonds SAFU und Unternehmensmittel vollständig auszugleichen. Dafür seien mehr als 6,34 Milliarden US-Dollar bereitgestellt, davon rund fünf Milliarden in den betroffenen Kryptowährungen.
Sind die eingefrorenen Milliarden schon zurück?
Nein. Binance meldet rund drei Milliarden US-Dollar an eingefrorenen Vermögenswerten, deren Rückholung noch folgen muss. Blockierte Beute steht damit noch nicht wieder für Auszahlungen zur Verfügung.
Wann gibt es einen Nachweis über die Reserven?
Bis Montag, den 2. November, will Binance aktualisierte Proof-of-Reserves-Ergebnisse veröffentlichen. Anleger sollten auf den Stichtag und die Deckung der jeweiligen Kryptowährung achten.
Was kann ich bis zur Wiederöffnung tun?
Prüfe den Status direkt in der offiziellen App und bereite gegebenenfalls Deine Empfängeradresse vor. Sobald Auszahlungen für Deinen Coin und das passende Netzwerk freigegeben sind, bietet sich zunächst ein kleiner Testbetrag an. Zusätzliche Einzahlungen sollten während der Sperre nicht erfolgen, wenn das Geld dort nicht ausdrücklich benötigt wird.
Wie erkenne ich falsche Hilfsangebote?
Wer per Direktnachricht eine bevorzugte Auszahlung oder eine Freischaltung gegen Vorauszahlung verspricht, verdient Misstrauen. Öffne den Support selbst über die offizielle App oder Website und gib keine Passwörter oder Bestätigungscodes weiter. Binance warnt ausdrücklich vor unaufgeforderten Nachrichten und Zahlungsaufforderungen.
Deckt die Zusage auch meine Kursverluste ab?
Die angekündigte Absicherung betrifft die gestohlenen Bestände. Daraus ergibt sich keine Zusage, zwischenzeitliche Marktverluste zu ersetzen.
Bitcoin erholt sich etwas, bleibt aber unter Druck
Bitcoin notiert aktuell bei rund 77.488 US-Dollar und hat sich vom zuvor gemeldeten Tief bei etwa 76.190 US-Dollar etwas gelöst. Ein wenig Aufatmen ist damit drin, viel mehr bislang allerdings nicht: Zu Beginn des Donnerstags stand der Kurs noch über 81.000 US-Dollar.
Für die weitere Entwicklung dürfte auch zählen, ob Binance den angekündigten Auszahlungsstart einhält. Anleger haben inzwischen reichlich Zusicherungen gehört; am Sonntag würden sie vermutlich lieber eine erfolgreiche Transaktion sehen.
Gelingt der Neustart, könnte das die Stimmung stützen. Weitere Verzögerungen würden dagegen neue Zweifel daran wecken, wie weit die Börse bei der Behebung der Probleme tatsächlich ist.

Fazit: Auch die größte Krypto-Börse ist nicht unangreifbar
Dass Binance die gestohlenen Bestände vollständig ersetzen will, ist für Kunden die wichtigste Nachricht. Wenn die Zusage umgesetzt wird, bleibt ihnen zumindest der direkte finanzielle Schaden durch den Diebstahl erspart.
Die bisherigen Erkenntnisse werfen trotzdem Fragen auf: Offenbar konnten die Angreifer Freigabeprozesse umgehen und Gelder über mehrere Blockchains abziehen. Bei der größten Kryptobörse der Welt darf man durchaus erwarten, dass ein solcher Angriff an mehreren Stellen gestoppt wird.
Größe kann helfen, einen Milliardenverlust aufzufangen, dass sie auch vor einem solchen Verlust schützt, lässt sich nach diesem Vorfall aber schwer behaupten. Binance kann die fehlenden Coins ersetzen; das Vertrauen in die eigenen Sicherheitsvorkehrungen muss sich die Börse erst wieder verdienen.

