Wer denkt, dass die Volatilität bei Bitcoin nur was für harte Hunde ist, der sollte sich bei Wirecard aktuell warm anziehen. Der einst gefeierte Börsenstar erlebt aktuell einen der härtesten Abstürze der DAX-Geschichte. Selbst die größten Bitcoin Abstürze der Vergangenheit können mit diesem historischen Einbruch nicht mithalten. Was passiert ist, wie der Vergleich zu Bitcoin aussieht und ob man nun einsteigen sollte, wollen wir in diesem Artikel kurz aufklären.

Der Wirecard Absturz – Das lässt Bitcoin alt aussehen

Zugegeben, eine Verbindung zwischen Bitcoin und Wirecard herzustellen, ist für den ein oder anderen weit hergeholt. Dennoch gibt es vielleicht mehr Gemeinsamkeiten, als man auf den ersten Blick glauben mag. Doch schauen wir zuerst auf die harten Fakten und den Kursverlauf, denn hier haben sowohl Bitcoin, als auch Wirecard wilde Zeiten hinter sich. Was jedoch heute bei WDI passiert, übertrifft wirklich alles:

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Der Wirecard Kurs (WDI) bricht massiv ein und stürzt zeitweise um bis zu 72% ab! Einen so hohen Kursverlust hat es nicht einmal bei Bitcoin gegeben, einem Wert, dem man ein Höchstmaß an Volatilität zuspricht. Erst kürzlich haben wir im Rahmen der Corona-Krise den drittgrößten Tagesabsturz mit -37,53% bei BTC gesehen. Selbst der höchste Bitcoin Absturz in 2013 wirkt mit -45% im Vergleich zu Wirecard marginal.

Um sich das nochmal zu verdeutlichen: WDI müsste vom Tiefstand von 30 EUR heute um ca. 450% ansteigen, um auf seinen Stand von gestern zu kommen.

Wir sprechen hier von einem vermeintlich „sicheren“ DAX-Wert. Obwohl man das bei WDI nun wirklich nicht immer sagen konnte. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt uns, dass Wirecard zwar enorme Kurszuwächse vorzuweisen hatte. Was ihnen heute jedoch zum Verhängnis wurde, war auch in der Vergangenheit schon immer ein Damoklesschwert. Eine Geschichte, die mich übrigens ein wenig an Tether (USDT) erinnert.

Bilanzfälschung und einer der größten DAX Skandale

Was also war passiert? Warum bricht ein DAX Wert so massiv ein? Wir schauen dafür einfach mal auf das, was uns die Ad-Hoc Meldung von heute Morgen zu berichten hat. Es liest sich wie ein falscher Film. Zur Erinnerung, wir sprechen hier von einem vermeintlich seriösen DAX Konzern:

Der Abschlussprüfer der Wirecard AG, die Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, München, hat die Wirecard AG darüber informiert, dass über die Existenz von im Konzernabschluss zu konsolidierenden Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von insgesamt 1,9 Milliarden Euro (dies entspricht in etwa einem Viertel der Konzernbilanzsumme) noch keine ausreichenden Prüfungsnachweise zu erlangen waren.

Zusammengefasst: Wirecard fehlen in der Bilanz 1,9 Mrd. EUR. Heute sollte die Bilanz nach mehreren Verschiebungen eigentlich vorgelegt werden, das Ergebnis ist eine Anzeige von Wirecard gegen Unbekannt. Sie sehen sich als Opfer. Die Opfer sind aber meiner Meinung nach ganz klar, die Aktionäre, denen nun ein Totalverlust droht, denn Morgen laufen wichtige Kredite aus, die ohne eine Vorlage der Bilanz wohl ein enormes Problem mit sich bringen. Kein Wunder, dass viele Investoren die Reißleine ziehen.

Die Münchner Staatsanwaltschaft sieht es ähnlich und ermittelt nun laut Statista nicht zum ersten Mal gegen Wirecard wegen Marktmanipulation bzw. Bilanzfälschung. Wenn wir nun einen kleinen Blick auf die Vergangenheit von Wirecard werfen, dürfte der heutige Vorfall für viele Menschen kein Zufall sein. Mich erinnert es ein wenig an die Geschichte von Tether (USDT), denn auch hier sind es immer die gleichen Vorwürfe.

Bitcoin sieht dagegen nun wirklich nicht wie ein Instrument für Verbrechen aus. Das ist eben der Unterschied zwischen eine Firma und einem dezentralen Netzwerk ohne CEO.

Die dunkle Vergangenheit von Wirecard

Die wenigsten haben sich wohl mit der gesamten Vergangenheit von Wirecard beschäftigt. Ich auch nicht, daher möchte ich auch nur einen kleinen Einblick geben, der Warnung genug gewesen sein sollte, trotz hoher Renditen, vielleicht die Finger von WDI zu lassen. Denn es kam immer wieder zu Attacken bezüglich der Bilanz des Unternehmens. Gerechtfertigt oder nicht, das heutige Ergebnis spricht für sich.

Ein Blick auf 2008 zeigt die Schlammschlacht zwischen der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) und Wirecard. Der Vorwurf: Ungereimtheiten in der Bilanz. Das Ergebnis: Haftstrafen gegen Ex-Vorstand der Markus Straub wegen Aktienbetrugs. Es kam zudem heraus, dass er vor seinen Behauptungen selbst mit Derivaten auf fallende Wirecard Kurse gesetzt hatte. Ironischerweise sind genau diese Vorwürfe wieder auf dem Tisch, aber noch sehr viel härter als damals.

2016 gab es wieder Probleme für Wirecard. Der britische Analystendienst „Zatarra“ veröffentlichte einen Report, der das Unternehmen schwer belastete. Die Bilanz war neben Geldwäsche, Glücksspiel und anderen Machenschaften aber hier nur das geringste Übel. Auch hier kam WDI davon, denn auch hier lag laut Münchner Staatsanwaltschaft eine Marktmanipulation vor. Das Ergebnis: Höchststände von fast 200 EUR im Jahr 2018.

Jetzt der erneute Vorwurf durch die „Financial Times“, ein leitender Manager habe Transaktionen verschleiert. Das Ergebnis sehen wir heute bzw. sehen wir nicht, denn die Bilanz ist nach wie vor offen. Die ganze Geschichte gibt es übrigens hier.

Wirecard (WDI) jetzt kaufen?

Bei all diesem Wahnsinn, dem undurchsichtigen Geschäftsmodell, vermeintlich zwielichtigen Geschäften und sonstigen Problemen, erreichen mich heute tatsächlich Anfragen, ob man jetzt einsteigen sollte?

Wer das tut, begibt sich in eine Region, in der Wirecard laut „Zatarra“ auch illegal aktiv war: Glücksspiel. Natürlich ist ein so hart niedergeschlagener Wert eine Verführung. „Buy the dip“ heißt es so schön in der Bitcoin Szene, aber um bei den Sprüchen zu bleiben:

Greife nie in ein fallendes Messer

Ohne eine Beratung abzugeben, ergibt sich rein rechnerisch nach einem 72% Absturz ein gewisses Aufwärtspotenzial (siehe oben: 450% bis zum gestrigen Schlusskurs). Dennoch gilt hier die Devise äußerste Vorsicht walten zu lassen. Auch wenn in der Corona-Krise gescholtene Werte hohen Renditen gezaubert haben, muss das nicht auch auf WDI zutreffen. Gerade mit Hinblick auf die drohenden Kreditausfälle Morgen besteht hier ein großes Risiko eines Totalverlusts. Eine Investition ist das nicht, denn wer hier seine Hausaufgaben gemacht hat, sieht die enormen Risiken. Handeln auf eigene Gefahr.

Wir blicken wieder zurück auf Bitcoin und da muss ich doch sagen, dass unsere Achterbahn im Vergleich zu Wirecard doch eher Popcorn und Kino ist. HODL on!

[Bildquelle: Shutterstock]